Wer anderen ihre Würde abspricht, tastet die eigene an: Vor Ort von den Opfern des Fremdenhasses erzählen lernen

Hauptzielgruppe: Jugendliche in strukturschwachen Regionen
Laufzeit: 01.03.12 – 02.12.12

Ziel und Inhalt:
"Diese ..Verbrechergilde wurde in Schutzhaft genommen. Ihre Wohnungen hat man demoliert. Endlich - es kam der Tag der Rache" ( Schulchronik Offenbach zur Reichskristallnacht 1938)

  • Jüdisches Leben in unserer Region bis zu seiner Vernichtung kennen lernen - seine Spuren entdecken und nach den Gründen der Vernichtung fragen
  • Erfahren, dass hier viele andere Opfer der NS-Herrschaft lebten franz. und russ. Fremdarbeiter, der rk. Priester, der "Halbjude" Dr. Haas, eine Frau, die  zwangssterilisiert werden sollte).
  • Auch Täter können zu Opfern werden: Welche Schicksale stehen hinter den Namen am Volkstrauermal? Flüchtlinge erzählen.
  • Wer anderen die menschliche Würde abspricht, riskiert s. eigene.
  • Schüler sollen Fragen stellen - ggf. sogar historische Quellen zusammenfassen (uns liegen komplette Unterlagen zur Entnazifizierung mehrerer unserer Bürger vor.
  • Unterdrückung und Leid darstellen lernen: Medienarbeit einüben (Entwicklung einer Ausstellung - Erstellung einer Denkschrift)

 

Handlungskonzept:

a) Informationsveranstaltungen ab März in örtlichen Jugendkreisen und in den Schulklassen der Stufen 9 bis 13 in der örtlichen Realschule+ und im Gymnasium.

b) Bilden von Arbeitskreisen zu den Themen (jüdisches Leben - Opfer des Faschismus - Vita der verstorbenen Soldaten) - dies wird begleitet von Pfarramt, das Materialen zur Verfügung stellt und ggf. Kontakte sowie einen kompetenten "Lotsen" vermittelt.

c) Schulungen in Mediengestaltung durch e. Fachkraft

d) Zusammenfassung der Ergebnisse in e. Denkschrift, die von einer professionellen Fachkraft gestaltet wird.

e) Gemeinsame Vorbereitung einer Ausstellung (Design wird ebenfalls von einer Fachkraft mitgestaltet)

f) Große Gedenkveranstaltung mit Multiplikatoren an der Reichskristallnacht 2012

g) Erinnerung an das jüdische Leben - Stolpersteine setzten - ein Schweigemarsch zur Synagoge,  dem jüdischen Friedhof und Wohnhäusern, die ehemals im Besitz Bürger jüdischen Glaubens waren.

h) Fremdenhass läßt sich nicht stoppen: Auch Täter können zu Opfern werden - Jugendliche gestalten den Volkstrauertag mit.

i) Lernen in einem kleinen Ort über große Schuld zu reden: Abschluss mit einer Feier, die zur Versöhnung und zum Kampf gegen Fremdenfeindschaft und Faschismus aufruft (am 1. Advent).

-- Selbst Verantwortung übernehmen: Jugendliche führen Mitschüler "ihre" Ausstellung

Schulbesuch mit Pfarrer Johannes Hülser, 24.05.12

Lauterecken. Geschichtsstunde am Veldenz Gymnasium, heute mal anders. Vor der 10a steht kein Lehrer, sondern Johannes Hülser, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Offenbach am Glan. Er ist gekommen, um über die jüdische Bevölkerung in Offenbach-Hundheim zu erzählen. „Ab etwa 1300 kann man sagen, dass jüdische Bürger in Offenbach lebten. Nach 1940 gab es keine mehr.“ eröffnet er seinen Vortrag. Die Gesichter der Schüler werden ernst.

Der heutige Schulbesuch ist Teil eines Projektes, das das jüdische Leben der Region Offenbach/Lauterecken bis zu seiner Vernichtung kennen lernen und nach den Gründen der Vernichtung fragen möchte. „Das Thema passt ganz gut in unseren Unterricht und so eine Präsentation motiviert die Schüler sehr,“ erläutert Angela Comes, Geschichtslehrerin der 10a und Fachkonferenzleiterin in Geschichte.

Johannes Hülser hat sich Mühe gemacht. Zahlreiche Fotos ehemaliger jüdischer Wohnhäuser, die heute noch in Offenbach-Hundheim stehen, Klassenfotos aus den 30er und 40er Jahren und NSDAP-Dokumente schmücken seine Powerpoint Präsentation. „Die meisten Bilder sind von Bürgern aus Offenbach. Die wurden anlässlich eines Jubiläums mal gesammelt.“ Außerdem komme er viel bei den Menschen herum und die erzählten ihm von damals.

„Gerade beim Thema Nationalsozialismus ist der Heimatbezug wichtig und wirkungsvoll,“ meint Angela Comes. Es werde immer schwerer, diesen Bezug her zu stellen. Der Zeitzeuge, der häufiger in ihren Unterricht gekommen sei, sei im letzten Jahr verstorben. „Es entfremdet, wenn die Schüler die Erlebnisse des Nationalsozialismus nicht mehr aus erster Hand erfahren.“ Umso wichtiger seien Berichte und Vorträge, die die Geschichte authentisch und lebhaft machten.

Die Schüler gehen mit. Immer wieder spricht Johannes Hülser einzelne direkt an und stellt Fragen. „Welches Verkehrsmittel wurde 1938 für die mögliche Invasion Frankreichs gebaut?“ Keiner der siebzehn Schüler weiss eine Antwort. Dann die verdutzten Gesichter. „Unsere Bundesstraße 420.“ antwortet Pfarrer Hülser schmunzelnd.

Nach dem Unterrichtsbesuch sollen die Schüler Aufsätze und Texte zum jüdischen Leben der Region verfassen. Diese werden gesammelt und in einer Denkschrift veröffentlicht. „Dann wird es noch eine Ausstellung und einen Gottesdienst zur Reichskristallnacht am 9. November geben.“ erläutert Johannes Hülser weitere Elemente des Projektes.

Vorstellung der Gedenkschrift "Das Dritte Reich in unseren Orten", 16.04.13

Offenbach-Hundheim. Der Saal des evangelischen Gemeindehauses ist voll. Etwa 100 Interssierte sind gekommen, um die Ergebnisse des Projektes zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Offenbach zu erfahren. Referent des Abends und zugleich Initiator des Projektes ist der evangelische Pfarrer Johannes Hülser.

Er hatte das Projekt 2012 beim Toleranzprojekt des Landkreises Kusel erfolgreich beantragt und Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ erhalten. Neben zahlreichen Vorträge und Besuchen in den Schulen der Region, war die Entwicklung und Produktion einer Gedenkschrift zum jüdischen Leben in Offenbach, ein zentraler Inhalt des Projektes. Gestern wurde die 75 Seiten starke Broschüre offiziell vorgestellt.

„Ich möchte dem ganzen Redaktionsteam für die gute Arbeit und Unterstützung danken,“ eröffnete Hülser den Abend. Sichtlich gerührt berichtet er von den einzelnen Etappen der Produktion, dem Engagement der Mitwirkenden und vom dem großen Glück, eine vollständig erhaltene Schulchronik Offenbachs aus den dreißiger und vierziger Jahren zu haben.

„In der Chronik von Wiesweiler und vielen anderen Gemeinden sind die Seiten der betreffenden Zeiträume komplett herausgerissen,“ erklärt er den Verlust. Nur dank des damaligen Lehrers Klein, der die Offenbacher Schulchronik an sich genommen und aufbewahrt hatte, liesen sich Dinge erfahren und die Schicksale vieler Offenbacher Juden nach voll ziehen.

Zum Beispiel das von Hugo Heymann und seiner Familie. Der jüdische Textilhändler diente als Soldat im 1. Weltkrieg und war Träger des Eisernen Kreuzes. Schon früh erkannte er die Gefahr der Nazis und schaffte es, seine Kinder Eva und Kurt nach New York in Sicherheit zu bringen. Er und seine Frau Hermine sollten bald folgen. Aus Monaten wurden Jahre. Hugo Heyman kam in Schutzhaft und nach Dachau, durfte das Lager aber 1938 verlassen.

Zu hause angekommen, stürmten zwanzig NS-Männer sein Haus und schlugen ihm mit einem Hammer auf den Kopf. Über Fürth gelang Hugo und Hermine schließlich doch die Flucht zu ihren Kindern. 1948 starb Hugo Heymann an den Folgen des Hammerschlags. Sein Ur-Enkel Harvey Heyman, der mit seiner Familie noch immer in den USA lebt, schrieb das Vorwort zur Gedenkschrift.

Für ihn ist die Broschüre ein wichtiger Beitrag, dass so etwas nie wieder passiert. „Diese Schrift macht deutlich, wie das normale Leben alltäglicher Menschen aus einem konkreten Ort von den Nazis erschwert oder gar zerstört wurde,“ schreibt er.

Die Gedenkschrift ist ein beachtliches Werk, aus dem viel Herzblut und viel Akribie sprechen. Johannes Hülser und seinem Team ist etwas gelungen, das in vielen Orten und Gemeinden noch auf sich warten läßt und wofür es nie zu spät ist: die eigene NS-Geschichte auf zu arbeiten und in der Erinnerung für alle kommenden Generationen zu bewahren.

Die musikalische Umrahmung des Abend übernahmen der ökumenische Chor Offenbach und die Chorgemeinschaft Hundheim-Wiesweiler. Die Gedenkschrift ist gegen eine Schutzgebühr von einem Euro im Evabgelischen Pfarrbüro in Offenbach-Hundheim erhältlich.