Bericht und Bilder zum Konzert

„Meine Heimat ist das Klavier“

Es gibt Augenblicke, da entfaltet ein Akkord mehr Strahlkraft als jedes gesprochene Wort. Und einzelne Melodien graben sich tiefer ins Gemüt als ganze Bücher – wie beim Konzert des palästinensisch-syrischen Pianisten Aeham Ahmad im Auswanderermuseum in Oberalben.

Von Guido Schönfelder für die RHEINPFALZ

 
Der als „Pianist aus den Trümmern“ bekannt gewordene Ahmad gastierte bereits 2016 im Westrich und gab seinerzeit ein bewegendes Konzert in der Kuseler Stadtkirche. Dass es nun am vergangenen Freitag zur neuerlichen Begegnung mit dem Künstler gekommen ist, ist dem Förderverein des Auswanderermuseums sowie der Fach- und Koordinierungsstelle „Demokratie leben!“ des CJD Rheinland-Pfalz/Mitte zu verdanken.Am Beginn des Abends steht ein Film, eine ZDF-Produktion, der die einzigartige Geschichte Aeham Ahmads zusammenfasst und dem Jahrhundertthema Migration ein konkretes Gesicht verleiht. Es ist jenes vom Pianisten im grünen T-Shirt, der in den ausgebombten Straßen seiner syrischen Heimat Jarmuk am Klavier sitzend gegen das kollektive Leid ansingt. Ahmads Botschaft an das Assad-Regime und den „Islamischen Staat“ ist klar: Ihr könnt so viel Terror verbreiten, wie ihr wollt. Ihr werdet uns nicht besiegen!

Beeindruckende BuchpassagenEs folgt eine beeindruckende musikalische Lesung mit voller Inbrunst vorgetragener Klaviermusik und nicht minder hörenswerten Beiträgen aus dem im Fischer-Verlag erschienenen Buch „Und die Vögel werden singen“. Souheil Rai, ein Freund Aeham Ahmads, rezitiert Passagen, in denen der Musiker von seiner Zeit in einem syrischen Palästinenserlager bis zur Flucht nach Deutschland übers Mittelmeer, die griechische Insel Lesbos und die Balkanroute erzählt.Dabei enttarnt Ahmad die Erinnerung als „listige Schmeichlerin“, die Einblicke in seine intakte Kindheit mit „Cola, Eis und Sammelkarten vom Kiosk“ gibt und sein inniges Verhältnis zum blinden Vater beschreibt, den er einst als Dreijähriger durch die Straßen von Damaskus lotste. Dieser Vater, ein Instrumentenbauer, brachte Aeham Ahmad zur Musik. In Oberalben ebenfalls anwesend begleitet er das Klavierspiel seines Sohnes vereinzelt mit der Geige.

Souheil Rai liest weiter, erzählt von Ahmads ölverschmierten Fingern bei der Abschlussprüfung in der Musikschule und vom aus Tunesien herüberschwappenden „Arabischen Frühling“, der die Rufe der Gemüsehändler und das Ploppen der Fußbälle an den Häuserwänden mit einem Mal verstummen ließ und mit dem stattdessen Terror, Folter und Mord über das Land zogen. Der „Islamische Staat“ verbrannte schließlich sein Klavier und erschoss ein Mädchen, das in unmittelbarer Nähe seinen Klängen lauschte. Von da an gab es für den heute 31-Jährigen nur noch ein Gedanke: Flucht.

Spiel- und LebensfreudeZwischendurch avanciert Ahmad immer wieder zum Meister des virtuosen Klavierspiels, der mal getragen, mal überaus heiter, aber stets mit vollem Temperament und teils mit furioser Geschwindigkeit die Falten seiner Seele zu Gehör bringt. „Meine Heimat ist das Klavier“, gesteht der Könner schließlich, der mit seinen Kompositionen seinen Teil dazu beitragen möchte, die Kulturen und Religionen dieser Erde näher zusammenzubringen.Was Aeham Ahmad erleben musste, ist unvorstellbar. Umso bewundernswerter erscheint die Energieleistung, die den jungen Musiker befähigt, nicht nur das erfahrene Leid zu kompensieren, sondern darüber hinaus sogar charmante Herzlichkeit und Lebensfreude auszustrahlen.

Am Ende der Veranstaltung bleibt die Freude über den guten Ausgang der Geschichte des Pianisten, aber auch Beklemmung, Schmerz und Wut über das kollektive Friedensversagen der Weltgemeinschaft nicht nur in Syrien. Wie viele Geschichten von gewaltlosen Widerstand begannen ähnlich und endeten in der Katastrophe? „Es gibt immer wieder Hoffnung“, lautet eine letzte Erkenntnis des Abends, den das Publikum mit lang anhaltendem Applaus quittiert.

(Quelle: https://www.rheinpfalz.de/lokal/kusel/)